Viereinhalb Sätze / Four point Five | Writing on Dance Festival Blog

Musiktanznulldreißig Quartet: The Loom. 29.07.2017, SOUN D ANCE Festival, Dock 11, Berlin.

Doppelhelixfiguren und Lemniskaten in den Armen, Spiralen um die eigene Achse und im Raum, sich treiben lassen: Panta rhei; dazu kleine Intervalle, meist kurze, synkopisch angesetzte, mal perlende, mal buckelnde Phrasen, in Läufe geratend, wieder zerblasen, hörbare Luft, zischende, wie Ursuppe köchelnde Konsonanten, Echowellen zwischen Flöten und Elektronik: organisch-anorganische Bilderwelten, Wunsch, die Augen zu schließen.

Drei Momente gäbe es, diesem Impuls folgend, in „The Loom“ (Der Schimmer), dem letzten und wiederum ausverkauften Improvisations- und Instant-Kompositionsstück des SOUN D ANCE-Festivals zu verpassen: Wenn die Bühneneingangstür an der Hinterwand in der Dunkelheit geöffnet wird, entsteht ein schwaches graues Gegenlicht, vor dem die vier Performer*innen als sich überlagernde Schatten die Spielfläche betreten; der Raum öffnet sich in eine andere Dimension, ein minimalistisch erzeugtes Höhlengleichnis, das sofort atmosphärische Aufmerksamkeit schafft – ein Rülpsen aus dem Publikum, eine hörbare Lichtfrequenz, alles wird Potenzial und Präsenz. Der nächste Moment folgt kurz darauf, wenn das rote Scheinwerferlicht von grellroten Kostümen in sich beißenden Nuancen gekontert wird – ein Ton-gegen-Ton-Rennen, eine zahnfleischfletschendes Idyll aus Rotröckchen und Rothöschen. Und schließlich, auch noch am Anfang der Session, der Moment, in dem die Tänzer*in Mata Sakka die Musiker*in Rieko Okuda von hinten wie in eine Gussform um ihre Viola herum presst, bis zuletzt der Ton zerquetscht wird – danach wechselt Okuda zu Keyboard und Elektronik, und es beginnt der Teil, in dem offene Augen weniger sehen als geschlossene.

by Astrid Kaminski   98

Jenny Haack, Adam Pultz Melbye, Michael Vorfeld: Water speaks of water. 28.07.2017, SOUN D ANCE Festival, Dock 11, Berlin.

Eine Frau, zwei Männer mit Maschinen, Verwirrung der Sinne: Sie treiben sie durchs Dämmerlicht, sie treiben sie durchs Morgenlicht, es ist hell, es ist dunkel, von einer Ecke zur anderen. Die Männer, muskelbetont, sind gewiefte Jäger, sie treiben, locken, erschrecken ihre Beute – und können sie doch nicht fassen. Immer wieder erreichen sie nur den Körper ihrer Instrumente, streichen, reiben, schlagen auf die glatte Haut, die rauen Saiten des Kontrabasses, auf die verlockenden Bäuche der Trommeln, nur die Tanzende im fließenden Gewand können sie nie berühren, sie wälzt sich, zuckt, springt, jetzt selbst auf der Jagd, auf der Jagd nach den Tönen, bis, ja, sie für einen kurzen Moment, für wenige Bewegungen, das Gehör geschenkt bekommt, eine Relation im Takt-Fluidum aus Licht und Tönen herstellen kann, selbst zum Tonkörper wird, stampft, reibt, quietscht mit ihren Füßen, ihren Händen. Nur kurze Hoffnung auf Einvernehmen. Dann ist sie doch wieder besessen von Geräuschen, Klang und Tönen der Zaubermaschinenkörper, der Rollenspiele, die sie fesseln – letzte Zuckungen, Nacht.

by Elias Kreuzmair   97

GRAPESHADE: nowtime. 27.07.2017, SOUN D ANCE Festival, Dock 11, Berlin.

Zwischen Bass, Geige, Körper und Körper – im Geviert – entspinnt, entfaltet und ereignet sich: „nowtime“, das Jetztzeit-Set des Quartetts GRAPESHADE.

Zwei Tänzer*innen mengen sich ins Publikum, schieben, auf dem Rücken liegend, sich langsam zwischen Füße und vorbei an Knien, dabei ein Bonbonpapier knisternd mit den Fingern, zwängen sich durch den engen Spalt zwischen den Podesten, unter der Tribüne raschelnd, und nutzen ihre Stimme, das native Instrument, mal gurrend, kreischend, dann wieder murmelnd, gellend bis gedämpft, Tierlaut und Stimmgewirr imitierend im steten Dialog mit der flirrend, flackernd, flächig-breit gestrichenen Geige von Biliana Voutchkova und Klaus Janeks zupf-streich-wisper-dröhnend rhythmisiertem Kontrabass.

Blickbewegung und körperlicher Klang: gefüllter Raum.

Gemeinsam bilden wir physikalisch eine Masse, an diesem Ort, zu dieser Zeit, und mit ihren saalweit verstreuten Aktionen verändern Lisanne Goodhue und Ingo Reulecke die Gravitation im Raum, beugen ihn hier, dellen ihn dort, verbinden mit zurückgelegtem Kopf und hochgerecktem Arm den unter ihren Barfußschritten knarrenden Hallenboden unter dem rohen Ziegeldach, rennen stolpernd und sinken nieder unter unsichtbarem Gewicht oder scheinen Fäden durch ihren Oberbauch hindurch zu ziehen  – Materie, die durch Materie drängt.

Ingo Reulecke, oft an der Hüfte eingeklappt, Bein gestreckt, mitunter komisch, zerteilt handkantig die Luft mit weichgerundetem Arm, dann wieder spielerisch Details seiner Umgebung erkundend, und Lisanne Goodhue, die, obwohl präsent und klar, wie in eine innere Narration verstrickt erscheint, flüssig artikuliert in wendig-ungesehener Bewegungsfindung, bahnen der inzwischen mitbeweglichen Masse, uns, am Ende den Weg ins Freie, wo „nowtime“ sacht verklingt an diesem hellen, kühlen Sommerabend.

by  Elena Philipp  96

The Instrument: Peer. 23.07.2017, SOUND D ANCE Festival, Dock 11, Berlin.

Im Publikumsgespräch erfahren wir, dass die romantischen Kompositionen Edvard Griegs zu „Peer Gynt“ nicht nur als entfernte Kindheitsmelodien im Leben der Tänzerin Maya M. Carroll nachhallen, sondern der konkreten Bewegungsrecherche und Soundkomposition (Roy Carroll) gedient haben. Zu den ausladenden, triefenden Suiten, die nicht zufällig als musikalische Untermalung in Bierwerbung dienen, hätten Carroll und der Tänzer Janne Aspvik in Wald und Wiesen getanzt, improvisiert, Gefühlen nachgespürt – am Ende aber steht eine formale Choreografie, die keine unmittelbaren Spuren der Originalmusik an den Körpern mehr zulässt, sie stattdessen in eine präzise Folge mit hohem Abstraktionsgrad überführt. Von der großen Narration ist fast nichts übrig, mit Ausnahme eines einzelnen Astes, der menschengroß in der Mitte des Raumes ruht, um später als archetypisches Symbol über der Szenerie zu schweben. Verästelungen von Peer und Gynt und Feenlandschaft. Gleichzeitig öffnet sich dieser Raum als eine flimmernde musikalische Lichtung (bei Sonnenaufgang, von Morgentau benetzt), auf der zwei Geschöpfe wandeln und um sie herum dehnt sich die Zeit in die Breite, knistert, pfeift, zirpt es, bis die Töne in einen großen Klangraum driften und beinahe der Romantik, der sie entsprungen sind, frönen, wäre ihnen nicht diese Unaufgeregtheit und Lässigkeit eigen, in der sie ausharren und sich verzweigen.

by  Alexandra Hennig  94

Duo Ocean of pink dots (Jenny Haack and Hui-Chun Lin): Ferne schweifen. 22.07.17, SOUN D ANCE Festival, Dock 11, Berlin.

The question of the creators to one another is intimate — how can one be a dilettante to a colleague’s expertise? — and experimental — how can one go into the uncomfortable realm of a sister discipline? Jenny Haack and Hui-Chun Lin, who together constitute Ocean of pink dots, present Ferne schweifen (Distant Wanderings), which, with its clear investigation of how sound and movement can work as mirrors, as pairs, as opposites, and as surfaces for transference, is pointedly on theme at the SOUN D ANCE Festival.  Nested in pas de deux form (a performance in pairs, followed by consecutive solos, and reunited by a second duet), which lines up not directly with the number of performers on stage (as the cello’s body make a robust third) but with the « binary » of sound/dance, Haack and Lin explore each other’s realms with courage and remarkable elegance, but perhaps Lin goes slightly further in her journey into the realm of movement than Haack ventures into sound. And while a duo of such friendship and flexibility could have tendencies toward the casual, this is nothing of the sort: striking, structured costuming, clear lighting choices from Emese Csornai, and the finesse of experienced artists result in a deeply satisfying balance between the abstract and organic. Entangled limbs, an enchanted voice, steering bodies through cold waters.

by  Sasha Amaya  93

Yuko Kaseki, Emilio Gordoa: On The Shape of Darkness. 21.07.2017, SOUN D ANCE Festival, Dock 11, Berlin.

A body stands still while the steps come closer (we are entering)—during the performance the musician will be wandering around, putting a microphone in its mouth to generate rustling sounds, hitting the paper to its chest and squeezing it with hands; building small, temporary sound-installations with speakers that also create wind and vibration for various bells or pieces of paper to produce accompanying sounds that slowly construct a sound sculpture of noise, improvisation and experimental music. The flicker of the dim-lighting fits perfectly as the repetitive electronic sounds were slowly enriched with different types of bells and speakers and the whole engendered a space to meditate with the sound.

But.

Another body with silver high-heels starts to roll on the floor; a contemporary version of Butoh with a glittery costume is being performed—we rarely see but hear and the small gestures of the dancer disappear, because of such dimmed lighting and the contractions that usually have the potential to lead the entire body and the audience to another entity were lost; at the end there was more darkness than shapes.

Despite an instant, where the Butoh dancer begins to spit and blow to the vibraphone’s pipes, while the musician is playing it, the collaboration fails; the audience witnesses two appealing, yet non-unified performances that disrupted each other’s quality.

by  Göksu Kunak  92

COLLECTIVE ONE:THIRD: Fate of the Galaxies. 20.07.2017, SOUN D ANCE Festival, Dock 11, Berlin

One of the joys of watching, or taking part in, improvisation is the multitude of potentials each movement has; not all can be followed up, choices must, of course, be made, but the action of choice-making, so explicitly clear in improvisation, is in itself beautifully wrought with paths taken and those left unexplored. Such was palpably evident in the work of six dancers — Edith Buttingsrud Pedersen, Annukka Hirvonen, Sarah Jegelka, Justyna Kalbarczyk, Stefanie Petracca, and Roberta Ricci — who, together with electric guitarist Hannes Buder and lighting artist Emese Csornai, opened the SOUN D ANCE festival with a view to how instant composition can serve as a „laboratory of real life“ for those of diverse countries and cultural backgrounds. Through series of duets, trios, and group work (seldom featuring, perhaps quite meaningfully so, the solo) the eight artists infused the atmosphere with both typical motifs (wandering hands, diagonal balances, tinklings on the cords of the guitar) and unexpected suggestions (relational pulls between bodies, a sound emerging from genuine watching, the rare but surprising pedestrian gesture), building to a generous final offering which balanced the individual dancers‘ own inclinations and internal developments with the work of Buder and Csornai — and while the music of Buder at times led, at times illustrated, and at times was inspired by the movement of bodies on stage, it seemed rather an old sadness to see six beautiful female bodies dance to, or even with, one male voice. Yet the artists were accomplished: so enriching was their ability to bear an idea through from inception to maturity, that traces from seed to blossom were really possible. Yet not devoid of the fizz of uncertainty that makes improvisation so special.

by  Sasha Amaya  90

In Kooperation mit  Viereinhalb Sätze / Four point five | Writing on dance   ensteht während des Festivals ein Blog zu den Aufführungen.
Jeweils am nächsten Tag gehen Viereinhalb Sätze online!

A team of Four point Five writers is providing the festival blog for SOUN D ANCE Festival (20th to 30th of July) at Berlin’s Dock 11.